"Dieser Verein hat zwei Weltkriege Überstanden" - Zitat Altherrenriege

     Warum sich der TSV Grötzingen durch die Corona-Krise nicht ins Bockshorn jagen lässt

Homeoffice, Homeschooling, Homework sowieso – warum also nicht Hometraining? Die Trainer*innen und Übungsleitenden beim TSV Grötzingen tun jedenfalls derzeit ihr Möglichstes, um mit ihren Schützlingen nicht bei Null anfangen zu müssen, wenn irgendwann der eigentliche Turnbetrieb wieder losgeht.

 

Doch noch ist alles dicht, die Sporthalle und die Gaststätte. Trotzdem tut sich was beim TSV. Um die zwei festangestellten Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken zu müssen, wird ein detaillierter Aufgabenplan (neudeutsch ToDoListe) abgearbeitet. Erstellen neuer Trainingspläne, renovieren von Umkleiden und Gymnastikraum, Sichtung und Aussondern von Sportgeräten, Reparatur von Matten usw. Vor Ort entweder einzeln im „Schichtbetrieb“ oder unter Beachtung von Abstand und mit strenger Einhaltung der Hygieneregeln.

 

Unsere Gaststättenpächter haben auf „Essen To Go“ umgestellt, um nicht völlig auf den zwingend notwendigen Umsatz verzichten zu müssen. Der Biergarten ist bereits „coronagerecht“ hergerichtet; ein kleiner Öffnungs- Silberstreif am Zeithorizont tut sich ebenfalls auf.

 

Und auch an der neuen Sporthalle wird weiter „gewerkelt“. Wobei die einzelnen Gewerke aufgrund der Pandemie getrennt voneinander nur jeweils mit ein bis zwei Mitarbeitern vor Ort arbeiten dürfen. Der Zeitplan ist dadurch uneinholbar überzogen, aber das ist derzeit wohl eher ein nachgeordnetes Problem.

 

Illusionen über ein zeitnahes „alles wie vorher“ macht man sich dabei in der Turnhalle am Grollenberg keine: Ein maskenfreies Training in großen Gruppen mit kleinen Kindern und viel Hilfestellung wird sicher noch eine ganze Weile nicht für systemrelevant befunden werden – auch wenn sich ein Massenausbruch von COVID-19 nach Datenlage bundesweit ebenso wenig auf eine verhängnisvolle Trainingseinheit zurückführen lässt wie auf einen Frisiersalon oder auf einen Gottesdienst.

 

Indem letztere aber nun zaghaft und unter Auflagen wieder für den Publikumsverkehr geöffnet werden, erhofft man sich auf Seiten der Sportvereine nun auch das eine oder andere Zugeständnis, welches zweifellos ebenso an Auflagen gekoppelt sein wird. So findet sich auf der Homepage der Landesregierung der Hinweis: „Für jeden Gottesdienst- und Gebetsort ist ein schriftliches Infektionsschutzkonzept zu erstellen.“ Ein solches wird daher vorsorglich schon mal vereinsintern erarbeitet – wobei man sich glücklich schätzen kann, entsprechende Fachkompetenz in den Reihen der eigenen Vereinsmitglieder als „in-house competence“ nutzen zu können:

 

Sylvia Erdmann, als medizinische Fachangestellte seit Jahrzehnten mit den strengen Hygieneregeln in Arztpraxen und Krankenhäusern vertraut, hat bereits wertvolle Grundüberlegungen zu Organisation und Ablauf vorgestellt; Dr. Britta Franz, Allgemeinärztin in der Karlsruher Nordstadt und Dr. Jens Rudat, Mikrobiologe und Dozent am KIT werden noch ein paar Feinheiten zu Ansteckungsvermeidung und -überwachung nachlegen.

Jens Rudat, im Vorjahr Deutscher Vizemeister Ü40 posiert im "Homeoffice" mit Medaille und Urkunde für die virtuelle Karlsruher Sportlerehrung
Jens Rudat, im Vorjahr Deutscher Vizemeister Ü40 posiert im "Homeoffice" mit Medaille und Urkunde für die virtuelle Karlsruher Sportlerehrung

Vorbehaltlich offizieller Auflagen wird nach einem Stufenkonzept zunächst die eine oder andere Freiluft-Einheit absolviert werden – mit problemlos einhaltbaren Abstandsregeln und selbst mitgebrachtem Sportgerät (Fitnessmatten, Handstandklötze u.a.). Ab Pfingsten, so ist bei den „Kretschmännern“ zu lesen, gilt: „Fitnessstudios, Tanzschulen, Kletterhallen, Indoorsporthallen und Indoorspielplätze sollen wieder öffnen können.“ Dies gibt dann auch dem Hallentraining eine Perspektive, insbesondere da Tanzschulen langfristig auch nicht ohne Körperkontakt auskommen.

„Wir planen natürlich trotzdem zunächst mit Übungseinheiten, bei denen keine Hilfestellung erforderlich ist. Nach der langen Pause am Gerät sind ohnehin erst mal einige Eingewöhnungen nötig, bevor wieder komplexe Bewegungsabläufe angegangen werden können“, lässt Cheftrainer Lazar Bratan keinen Zweifel daran, dass die Sicherheit selbstredend Vorrang hat und das Training kein höheres Infektionsrisiko als der Alltag bieten darf. Generell folgen die Schutzmaßnahmen dem STOP-Prinzip:

 

-  Substituierende Maßnahmen (Kraft- und Ausdauertraining im „Home-Office“ oder draußen,  

   Erwärmung vor dem Training ebenfalls),

-  Technische (Gemeinschaftstraining via Skype, z.B. gemeinschaftliche Handstand-Challenge),

-  Organisatorische (verkürzte Einheiten mit verringerter Teilnehmerzahl, also „Schichtbetrieb“)

-  Persönliche Schutzmaßnahmen (Handdesinfektion, Training nur bei unzweifelhafter körperlicher Gesundheit,  Umziehen/Duschen zu Hause)

 

„Eine Desinfektion der Turngeräte nach jeder individuellen Benutzung ist nicht möglich, da die Magnesiaschicht z.B. auf einer Reckstange Rutschfestigkeit bieten muss“, gibt Jens Rudat zu Bedenken. „Daher werden wir in der ersten Zeit nie mehr als ein bis maximal zwei Turner an je einem Gerät turnen lassen, bzw. 2-3 wenn die Betreffenden sich privat regelmäßig treffen und daher epidemiologisch betrachtet nur ein Individuum darstellen – ähnlich wie es in anderen Bereichen nun für Geschwisterkinder gilt. Eine einmalige Handdesinfektion vor dem Training und vielleicht noch beim Gerätwechsel reicht aber aus, wenn man zwischendurch die Hände aus dem Gesicht lässt.“

 

„Desinfektionsspender - darunter einen berührungsfreien mit Infrarotsensor - konnte ich trotz massiver Lieferprobleme beim Fachhandel bereits organisieren“, freut sich der Vereinsvorsitzende Bernd Ruf. „Den baue ich dann auf eine mobile Säule, sodass wir beim Einsatz flexibel sind. Und die Desinfektionslösung kommt auf kurzem Weg aus der Grötzinger Rathausapotheke “ Rudat ergänzt: „Dann kommt auf die Geräte auch kaum infektiöses Material – zumal Schmierinfektionen bei COVID-19 ohnehin das geringere Problem sind, und kein Virus sich im staubtrockenen Magnesia lange wohlfühlen dürfte. Eine Tröpfcheninfektion ist hier definitiv nicht möglich. Außerdem desinfiziert im Supermarkt auch niemand die Einkaufswagen (jedenfalls nicht im laufenden Betrieb), ebenso wenig das EC-Kartenlesegerät und erst recht nicht die Warenauslage. Und im Gegensatz zu einem frisch gekauften unverpackten Apfel, den ich auch nicht desinfiziere, schiebe ich mir einen Barrenholm für gewöhnlich nicht in den Mund; das gäbe im Wettkampf auch Abzug“.

 

Nachwuchstalent Anton Weiss, in diesem Jahr bei den Männern Zehntplatzierter der BaWü Meisterschaften, hält sich im heimischen Garten am Trampolin fit
Nachwuchstalent Anton Weiss, in diesem Jahr bei den Männern Zehntplatzierter der BaWü Meisterschaften, hält sich im heimischen Garten am Trampolin fit

Vorerst bescheidet sich die Turnerschaft leider notgedrungen auf Online-Training via Skype – dies allerdings mit hervorragender Resonanz: „Die Teilnehmerzahlen der beiden Mädchen-Gruppen, die Mihaela Petru und ich trainieren, sind z.T. sogar höher als im normalen Training“, staunt Nachwuchstrainer Julian Bertsch. „Die Teilnehmerinnen sind, wie bereits mehrfach von Elternseite kommuniziert wurde, sehr froh über dieses Angebot und die Möglichkeit wieder zu trainieren. Natürlich kann man das Training an den Geräten nicht ersetzen, aber das Dehnungs- und Kraftniveau hat sich im Vergleich zu vorher sogar verbessert.“ Lazar Bratan versichert allerdings: „Trotzdem brennen alle darauf, wieder in die Halle und an die Geräte gehen zu dürfen“.

 

Die Altherrenriege hingegen weiß: „Dieser Verein hat zwei Weltkriege überstanden, den zweiten haben einige von uns noch miterlebt; dagegen ist die Coronazeit zumindest bislang geradezu entspannt. Wenn ein Staatspräsident nun behauptet, wir wären im Krieg, muss er eine sehr behütete Kindheit erlebt haben.“ Dennoch fehlt gerade den Senioren die allwöchentliche Geselligkeit, und eine langfristige Gesundheitsgefährdung durch Bewegungsmangel ist auch nicht zu unterschätzen. Jens Rudat schließt daher mit einem Ringelnatz-Klassiker:

 

„Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine, kürzt die öde Zeit – Und er schützt uns durch Vereine vor der Einsamkeit“ 

 

All dies ist durchaus systemrelevant – nicht nur für Turner.

 

jd/rf

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