Jahresrückblick 3. Kunstturn-Bundesliga 2021:

 

Licht und Schatten in der zweiten Seuchensaison

 


Nachdem die Bundesligasaison 2020 nach nur zwei Wettkämpfen wegen nicht mehr umsetzbarer Corona-Verordnungen abgebrochen werden musste, konnte es 2021 eigentlich nur besser werden – und irgendwie wurde es das auch, wenngleich so mancher Lichtblick nur geübten Beobachtern gleich ins Auge sprang.

 

Die Wettkämpfe

 

Als Saisonziel wurde nach dem 4. Tabellenplatz in der letzten „richtigen“ Saison 2019 selbstbewusst ausgegeben: „Vordere Tabellenhälfte plus X“. Nach einem glücklichen Auftaktsieg gegen Unterföhring (35:21) wähnte man sich hier auch auf gutem Wege, wurde jedoch gleich in der zweiten Begegnung unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Ohne ausländische Verstärkung und mit den verletzungsgebeutelten Altmeistern Lazar Bratan (Nachwehen eines Bandscheibenvorfalls) und Jens Rudat (Verdacht auf Bizepssehnenanriss) ging man beim späteren Vizemeister Heckengäu nicht nur völlig chancenlos mit 7:57 baden, sondern konnte erstmals seit… sehr langer Zeit nicht mal vier Turner ans Reck schicken, da sich Marco Richter im Einturnen an der Hand verletzte und Jens nach einer Notübung am Barren den lädierten Arm nicht auch noch am Reck strapazieren wollte. 

 

Gegen den TV Bühl zeigte die Formkurve zwar wieder nach oben; trotzdem wurde ein im Grunde nicht nur möglicher, sondern verpflichtender Sieg durch zu viele individuelle Fehler denkbar knapp verhindert (40:42). Zusätzlich musste konstatiert werden, dass mehr als die Hälfte der hierbei erzielten Grötzinger Scorepunkte auf das Konto des glänzend aufgelegten österreichischen Nationalturners Ricardo Rudy gingen – der aufgrund seiner Klasse dem TSV prompt auch nicht weiter zur Verfügung stand und stattdessen internationale Einsätze für sein Heimatland bestritt, WM-Teilnahme inklusive.

 

Mit Ricardo wäre auch die nachfolgende Begegnung in Backnang zu gewinnen gewesen – aber auch irgendwo unverdient, denn die Gastgeber turnten traditionell ohne ausländische Verstärkung, hielten trotzdem den Neu-Grötzinger Cameron Lister (Schottland) mit 4:7 gut in Schach, und gewannen so letztlich zurecht mit 33:23.

 

Beim späteren Meister und Aufsteiger Ludwigsburg gab es danach erwartungsgemäß keinen Blumentopf zu gewinnen (18:46); ein Achtungserfolg gelang jedoch mit einem 11:0-Kantersieg am Reck – und das diesmal ohne eigenen Ausländer, geht doch! Mit dem nötigen Selbstvertrauen im Gepäck konnte dann im letzten Heimwettkampf gegen die Allgäuer Truppe aus Wangen/Eisenharz der Klassenerhalt gesichert werden (41:29), wie schon gegen Bühl unter begeisterter Anteilnahme einer dreistelligen Zahl „GGG“-konformer Zuschauer.

 

Nun ist der vorletzte Platz in der Staffel Süd sicher kein Ruhmesblatt der Vereinsgeschichte. Auf der anderen Seite weist die Abschlusstabelle eine enorme Leistungsdichte der Mannschaften aus: Ludwigsburg und Heckengäu turnten wie erwähnt deutlich vorneweg, aber dahinter hätte nach dem kurzfristigen Rückzug des putativen Abstiegskandidaten USC München jeder jeden schlagen können (bzw. tat das dann auch). Am Ende fehlte so lediglich EIN lumpiger Gerätpunkt zum erklärten Ziel einer Platzierung in der vorderen Tabellenhälfte: Der TSV lag punktgleich mit Bühl, aber aufgrund des verlorenen direkten Vergleichs dahinter auf Rang 6; mit einem Gerätpunkt mehr wäre man an Bühl vorbei und punktgleich mit Unterföhring gewesen, hier aber aufgrund des gewonnenendirekten Vergleichs vor den Bayern auf dem 4. Rang – und auch Platz 3 wäre möglich gewesen, vgl. der gerade geschilderte Wettkampf bei der TSG Backnang, die sich hinter den dominierenden Teams aus Ludwigsburg und Heckengäu den imaginären dritten Podestplatz sicherte.

 

Bilanz und Ausblick

 

Im direkten Vergleich mit 2019 wurden 2021 satte 101 Scorepunkte weniger erzielt (mit allerdings nur sechs Wettkämpfen statt sieben aufgrund des erwähnten Münchner Ausfalls). Dennoch lässt sich bei näherer Betrachtung durchaus ein positiver Trend ablesen, und zwar ohne Schönfärbung und Vereinsbrille, sondern im Sinne einer enorm erfolgreichen Nachwuchsförderung: Vor zwei Jahren wurden 107 der 265 Saison-Scorepunkte durch die Ü40 (bzw. mittlerweile Ü45) Lazar Bratan und Jens Rudat (69/38) erzielt, sowie 104 durch die eingesetzten ausländischen Gastturner. 2021 nun konnten die verletzten Altersturner zusammen nur noch 26 Punkte beitragen (21/5), und die deutlich schwächere (bzw. auch nicht immer anwesende) Gastturnerfraktion deren 60.

 

Damit wurde der Anteil der jüngeren Turner an den Scorepunkten um einen satten Faktor 2,5 gesteigert von <20% in 2019 auf exakt 50% in 2021 – wenn das mal keine perspektivische Entwicklung ist! 

 

Dies erscheint umso bemerkenswerter, da Neyén Eder (19) und Julian Bertsch (22) sogar noch geschont wurden, um ihre Einsetzbarkeit in der 2. Mannschaft des TSV in der Landesliga zu ermöglichen. Lichtblicke waren die Leistungen des 22jährigen Anton Weiss mit 31 Scorepunkten, sowie die zwar bisweilen noch sichtlich nervösen, aber inhaltlich bemerkenswerten Auftritte des erst 17jährigen Bundesliga-Debütanten Felix Zäuner aus Antons neuer Heimat in Oberbayern mit 18 Scorepunkten. 

 

Als Schattenseite dieser Verjüngung zeigte sich die gewissermaßen biologisch bedingte mangelnde Sicherheit nebst ausbaufähigem Kraftniveau, die sich in einer katastrophalen Punkteausbeute am Pferd (2 Gerätpunkte) bzw. an den Ringen (NULL Gerätpunkte) erbarmungslos niederschlug. Ohne Stabilitätsanker Miro Göttler (27), der an just diesen beiden Geräten seine höchst wertvollen 18 Scorer erzielte, hätte man oftmals bereits zur Halbzeit chancenlos zurückgelegen. Punkten konnten die jungen Wilden hingegen insbesondere am Reck, wo man sich mit 10 Gerätpunkten als stärkstes Team der Ligastaffel präsentieren konnte, trotz der eingangs erwähnten Mangelbesetzung in Heckengäu.

 

Entscheidend für die weitere Entwicklung wird nun sein, ob man die beiden anderen U23-Turner Luca Dilger und Marco Richter fest an den Verein wird binden können: Wie Neyén und Julian kamen diese nur sporadisch zum Einsatz, um im Frühjahr in der Baden- bzw. Schwabenliga für ihre Heimatvereine antreten zu dürfen. Wenn man künftig alle oben aufgeführten Glorreichen Sieben im Alter zwischen 17 und 27 zur vollen Verfügung hätte (und die erfahrenen Senioren als Ergänzungsturner an den Problemgeräten), wäre für 2022 auch ohne ausländische Verstärkung eine schlagkräftige Drittligamannschaft an den Start zu bringen – zweifellos eine motivierende Aussicht auch für die Grötzinger U16-Nachwuchsturner, die gemeinsam mit ihrem Co-Trainer Justus Weiss die Livestreams von den Wettkämpfen mit einer geradezu liebenswerten jugendlichen Unbekümmertheit, aber eben auch der nötigen Fachkompetenz leidenschaftlich kommentierten.

 

Also nochmal: Es war eigentlich eine gute Saison; sie hat es sich nur nicht immer gleich anmerken lassen. 

 

JR

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