Gesunde Mischung aus ein bisschen Alt und viel Jung – nur im Mittelbau mangelt’s…

 

Erhobenen Hauptes und weitgehend zufrieden kann die deutlich verjüngte Turnriege des TSV Grötzingen (von zwei ganz alten Hasen abgesehen im Schnitt U20) auf die vergangene Drittligasaison zurückblicken: Nachdem man im vergangenen Jahr erst im 5. Wettkampf den ersten Sieg einfahren konnte, gelang dies heuer bereits in der ersten Begegnung – gefolgt vom nächsten Sieg gleich darauf. 

 

Wie dicht indes Freud und Leid beieinander liegen, musste schon eine Woche später zur Kenntnis genommen werden: Miro Göttler, zuverlässige Bank an Pauschenpferd und Ringe, fiel im 3. Wettkampf krankheitsbedingt aus und konnte nicht annähernd adäquat ersetzt werden – was die Karlsruher Kunstturner auf die Verliererstraße brachte, zumal in der anschließenden Begegnung gegen den Ligaprimus TG Saar kein Blumentopf zu gewinnen war. 

 

Hier kam erstmals der neuseeländisch-britische 17jährige Nachwuchsturner Dominic Bigsby zum Einsatz, der sichtlich nervös zumindest an diesem Tag unseren „Stamm-Iren“ Adam Steele nicht mal ansatzweise vertreten konnte. Dies besserte sich zum Glück im nächsten Wettkampf beim Start-Ziel-Tabellenletzten TV Isselhorst: Trotz fünfstündiger Anreise und ausbaufähiger Marschverpflegung konnte hier mit der gefühlt geschlossensten Mannschaftsleistung der letzten Jahre der Klassenerhalt deutlich vor der Zeit gesichert werden.

 

Die beiden anschließenden Begegnungen gingen denkbar knapp und leider aufgrund eigener Fehler gegen gleichwertige Gegner verloren. Es wäre definitiv auch die Vizemeisterschaft drin gewesen, zumal sich auch „Dom“ gewaltig steigerte und zumindest an Boden, Sprung und Reck durchaus dem einen oder anderen deutschen Jugendnationalturner den Rang abgelaufen hätte; nach 2014 Stian Skjerahaug (NOR) und 2016 Adam Steele (IRL) scheint der TSV 2018 einmal mehr ein ganz großes Nachwuchstalent für die Bundesliga entdeckt zu haben.

Unterm Strich darf man mit einem Platz in der oberen Tabellenhälfte zweifellos zufrieden sein – nicht zuletzt eingedenk der Tatsache, dass der bei Teilnahme am Relegationswettkampf drohende Aufstieg in die 2. Bundesliga (noch) nicht dem Leistungsstand der Akteure entsprochen hätte. Ein bisschen lässt sich hier durchaus die Frage der aus der 2. Bundesliga abgestiegenen Oberhausener nachvollziehen, warum man den Rückzug zweier Mannschaften aus der 1. Liga und das damit verbundenen Nachrücken zweier Zweitligisten nicht mit einem Aussetzen der Abstiegsregel beantwortet hat – oder zumindest die letztplatzierten Zweitligisten in die Relegation gegen die Zweitplatzierten der 3. Liga geschickt hat statt der dort Drittplatzierten, die im letzten Wettkampf 25 Punkte (Ludwigsburg) bzw. sogar 40 (Fulda) weniger erturnt haben als das KTTO.

 

Fotos vom ersten Heimwettkampf von Antje Klieber. Weitere Fotos finden Sie hier.

Aber zurück zu den eigenen Problemen – pardon, Herausforderungen: Im Vorbericht zur Saison war gefordert worden, dass „zumindest zwei weitere Nachwuchshoffnungen den Sprung in die erste Mannschaft schaffen“ müssten. Dies gelang im wahrsten Sinne des Wortes dem erst 16jährigen Neyén Eder, der am Sprung wie auch bei seinem quasi spontanen Bodeneinsatz ohne Fehl und Tadel agierte. Ebenfalls neu im Team etablierte sich der 19jährige Julian Bertsch, der eine ausgesprochen solide Saisonleistung am Boden zeigte. An den anderen Geräten musste in dem einen oder anderen Wettkampf noch gehörig Lehrgeld bezahlt werden; aber allein die Tatsache, dass er an fünf verschiedenen Geräten eingesetzt werden konnte, lässt für die Zukunft hoffen. Eine ganz starke Saison absolvierte der zweite 19jährige im Team Anton Weiss, der neben sehr sauberer Ausführung im letzten Wettkampf auch die eine oder andere zusätzliche Schwierigkeit aus dem Ärmel schüttelte.

 

Fotos vom letzten Heimwettkampf von Antje Klieber. Weitere Fotos finden Sie hier.

 

Bleibt zu hoffen, dass alle drei Youngster trotz z.T. anstehender postabiturieller Veränderungen dem TSV erhalten bleiben. Das Fehlen eines leidlich jungen, aber trotzdem ligaerfahrenen Mittelbaus als Epigonen der Ü40-Vertreter Lazar Bratan und Jens Rudat machte sich als zweitgrößtes Mannschaftsmanko bemerkbar – dessen Folge vermutlich das größte ist, nämlich die einmal mehr katastrophale Ausbeute an den Ringen: Einen Sieg gab es gegen ersatzgeschwächte Hohenloher, ein Unentschieden gegen das Tabellenschlusslicht. Die vernichtende Gesamtbilanz der anderen Begegnungen lautete 13:51 Scorepunkte – und 10 der 13 wurden von den ausländischen Gastturnern gesichert. Insgesamt wurde lediglich ein Achtel der in der Saison erturnten Scorepunkte an den Ringen eingeheimst, hingegen ein Viertel der verlorenen Scorepunkte just hier abgegeben.

 

Angesichts der in diesem Jahr ungewöhnlich hohen Leistungsdichte waren die regelmäßigen Ringedebakel wettkampfentscheidend: Trotz 8 oder sogar 10 Gerätpunkten an den anderen Geräten sprangen somit nicht mehr als drei Siege heraus, lediglich gegen Hösbach konnte trotz Ringeverlusts der Wettkampf noch mit einem Pünktchen gewonnen werden.

 

Hier fehlt es eindeutig an schon starken, aber noch gesunden Schultern – und leider auch an einem in der Trainingshalle aufgebauten Ringegerüst, denn neben dem offenkundigen Kraftmangel beim Nachwuchs waren auch Unsicherheiten bei den Schwungteilen am ungewohnt flexiblen Wettkampfgerät unübersehbar. Beim nun endlich genehmigten Hallenanbau sollte also auch rund 1% der sechsstelligen Realisierungskosten in entsprechendes Equipment (bzw. dessen Integration in den Trainingsbetrieb) investiert werden.

 

Freude über Platz 4 in der 3. Bundesliga Nord:

Einen Jungspund wollen wir nicht vergessen: Der 19jährige Niko Papadopoulos debutierte als farbenfroher Kampfrichter. Ungeachtet der fachlichen Leistung gab es an der gewählten Hemdfarbe ebenso Kritik wie später an Thorsten Ulrichs fehlender Krawatte. Nun ist eine Kleiderordnung natürlich zum Einhalten gedacht, die Turner dürfen schließlich auch nicht das enge Trikot ablegen (gleichwohl nicht wenige Zuschauerinnen daran ihre helle Freude hätten) oder mit Baseballkappe antreten. Dennoch wäre eine ähnlich konsequente Ermahnung bei teils hanebüchener Bewertung der Übungsausführung ebenfalls wünschenswert: Während die wenigen Differenzen bei der Schwierigkeitsanerkennung umgehend ausgiebig und kompetent erläutert wurden, sorgte eine in mindestens 3 der 7 Wettkämpfe zu keinem Zeitpunkt erkennbare klare Linie im E-Kampfgericht für Kopfschütteln bei allen Turnern beider Mannschaften sowie – bedeutender, weil versierter – deren Heimkampfrichtern. Der ebenfalls mit Brevet ausgestattete Jens Franz musste bei seinem gelungenen Debut als Hallensprecher ebenfalls sicht-, aber zum Glück nicht hörbar an sich halten. Zur Verteidigung der Juroren muss allerdings gesagt werden, dass die 3. Liga von allen drei Bundesligen am schwersten zu bewerten ist: Während in der 1. Liga ausschließlich Kader-geschulte Athleten mit exzellenter Grundtechnik zu Werke gehen, sind die Unterschiede in der 3. Liga erheblich. Neben aufstrebenden Nachwuchshoffnungen, altgedienten Recken im Sinkflug sowie nicht zuletzt den ausländischen Gästen auf internationalem Niveau tummeln sich eben auch zahlreiche bessere Hobbysportler – wo soll man den Maßstab ansetzen? So sah man sich oft mit der unbefriedigenden Situation konfrontiert, dass Ausführungen von Wettkampf zu Wettkampf je nach Marschroute des Oberkampfrichters höchst unterschiedlich bewertet wurden; in der Konsequenz lohnten sich somit manchmal zusätzliche Schwierigkeiten, ein andermal brachen sie einem buchstäblich das Genick.

 

Die letzte Metapher führt zum finalen, dieses Mal durchweg erfreulichen Fazit: Die Saison konnte verletzungsfrei beendet werden. Trotzdem ein herzliches Dankeschön an die stets parate medizinische Abteilung und natürlich an alle anderen, die einen reibungsarmen Saisonablauf ermöglicht haben (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): die Mädels an der Kuchentheke, begeisterungsfähige Busfahrer, die Könige und alle anderen TSV-Fans, Frank & Uli für deutlich zu viel um es hier aufzulisten, GlaxoSmithKline für den Vertrieb von Voltaren (und den deutschen Gesundheitsbehörden für die beharrliche Aussetzung der Verschreibungspflicht), Alfred für die Pressepräsenz und last not least Antje für die fünfstellige [sic] Anzahl Fotos.

 

Bis zum nächsten Jahr!

 

JR

 

Nachwort:

vor allem natürlich vielen Dank an Jens, der nicht nur das letzte aus seinem Körper bei seinen Übungen geholt hat, sondern auch viele Superberichte aus vollem Herzen und mit Köpfchen geschrieben hat, pünktlich geliefert hat, damit die Presse auch früh genug informiert werden konnte. Ich freue mich schon auf nächstes Jahr. Aber ohne die Fotos von Antje würde das Salz in der Suppe fehlen, also auch hier von mir besten Dank für den großen Durchblick und die vielen Detailbilder, die auch die Stimmung während des Wettkampfes toll herüber gebracht haben,

Danke.....

 

AS